Die Plessen

 

Herkunft: Nach aktuellem Forschungsstand beginnt im westlich von Northeim gelegenen Dorf Höckelheim die urkundlich abgesicherte Geschichte der Herren von Plesse(n). Der Ort wird erstmals im Jahr 1016 anlässlich einer Schenkung Kaiser Heinrichs II. an das Erzbistum Paderborn als Hukilhem erwähnt. Aus den Jahren 1097 und 1144 liegen dann zwei Urkunden von Kaiser Heinrich IV. bzw. Abt Wincelin von Northeim vor, in der ein Helmoldo de Hukilhem als Zeuge genannt wird (Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse = UBPlesse 4, 13). Dokumente des 12. und 13. Jahrhunderts ergeben, dass sein Geschlecht in dieser Region über erheblichen Allodial- und Lehnsbesitz verfügt. Die Forschung hält es aus namens-, lehns- und erbrechtlichen  Erwägungen für naheliegend, dass die dynastischen Wurzeln der Herren von Höckelheim bis ins Kerngebiet des Stifts Paderborn reichen. Plausibel klingt dabei ein Ansatz, der sie als eine Seitenlinie der Padberger Grafen ansieht (Wenskus in Plesse-Archiv 1976, Seite 93), die im mittelalterlichen, nordhessischen Ittergau über größeren Besitz verfügen. Als ihr mutmaßlicher Ahnherr gilt ein unehelich geborener (spurius) Graf Bernhard von Padberg aus der Grafenfamilie der Haolde, dessen Landgut (praedium) Padberg im Jahr 1030 Kaiser Konrad II. an Bischof Meinwerk von Paderborn schenkt. Die Nachkommen jenes Bernhard von Padberg, die weiterhin eine enge Beziehung zum Stift Paderborn unterhalten, werden auf Besitzungen des Geschlechts östlich der Weser und auf das Erbe eines Großvaters mütterlicherseits, des Billings Graf Bernhard, abgedrängt. Im Besitzkomplex von Lengede (nahe Göttingen) wird dann 1070 der erste schon als Plesser anzusprechende liber Godescalc de Lengede genannt. Er besitzt auch beträchtlichen Besitz in Höckelheim, wonach sich seine Nachfahren, die Herren von Höckelheim seit der Mitte des 12. Jahrhunderts zunächst nennen (Rösener in Plesse-Archiv 2000, Seite 318). Die Herkunft der Herren von Höckelheim aus dem Stift Paderborn ist nicht zu widerlegen (Lüken in Plesse-Archiv 2000, Seite 143).

 

Höckelheim und Plesse: Bernhard I. (1150-1190) und Gottschalk I. (1167-1190) sind vermutlich Söhne von Helmold I. (1097/1144). Bernhard I. nennt sich im Jahr 1150 bei einer Beurkundung Bernhardus de Plesse (UBPlesse 15) und dokumentiert dadurch, Rechte an der Burg Plesse zu besitzen. Die Burg und ihr Vorwerk Eddigehausen liegen zwanzig Kilometer südlich von Höckelheim. Auch dieser Komplex gehört schon 1015 zum Streubesitz des Bistums Paderborn (UBPlesse 1). Ältere Lehnsrechte an der Plesse halten vor 1150 insbesondere Graf Hermann II. von Winzenburg (UBPlesse 7) und später womöglich auch dessen Neffe Otto von Asssel, ein Sohn seines an der Burg mitbeteiligten, 1146 verstorbenen Bruders Heinrich von Winzenburg (UBPlesse 9, 14). Hermann II. von Winzenburg wird 1152 ermordet. Sein Neffe Otto von Assel stirbt um 1185. Mit ihm erlischt das Grafengeschlecht, so dass der Bischof von Paderborn das heimgefallene Lehen nun an die Brüder Bernhard I. und Gottschalk I. von Höckelheim/Plesse direkt vergeben kann. Dieser Prozess scheint nach 1146 zu beginnen und ist 1185 abgeschlossen, denn die Brüder Bernhard I. und Gottschalk I. nennen sich nur noch gelegentlich de Höckelheim (UBPlesse 17, 20, 24), aber immer öfter de Plesse (UBPlesse 15,19, 21, 22, 25, 26), weil die Höhenburg fortan ihr Herrschafts- und Lebensmittelpunkt ist. Die Brüder Gottschalk I. und Bernhard I. von Höckelheim/Plesse sind die Stammväter der jüngeren bzw. älteren Linie unseres Geschlechts.

  

Jüngere Linie: Sie beginnt mit Gottschalk I. (1170-1190) und erlischt 1571 mit Dietrich IV. Edelherr von Plesse. Als Letzter seiner Linie wird er im Familien-Erbbegräbnis des Klosters Höckelheim beigesetzt und seine reichsunmittelbare Herrschaft fällt aufgrund eines älteren Schutzvertrages an die Landgrafen von Hessen. Auf dem Wiener Kongress (Vertrag vom 16.10.1815) werden die Herrschaft Plesse und das Kloster Höckelheim dem Königreich Hannover zugeschlagen.

 

Ältere Linie: Sie beginnt mit Bernhard I. (1150-1190). Sein  ältester Sohn, der Ritter Helmold II. von Plesse  (1191-1226) ist als Mitbesitzer der Burg Plesse vorübergehend kaiserlicher Gefolgsmann, denn Heinrich VI. erwirbt für kurze Zeit (1192-1195) vom Bischof zu Paderborn das castrum Plesse nobis et imperio (UBPlesse 28, 29). Vor allem aber gehört Helmold II. spätestens seit dem Jahr 1191 zum direkten Umfeld Heinrichs des Löwen (UBPlesse 27). Für dessen Sohn Otto IV., dem späteren König und Kaiser, ist er zeitlebens ein Weggefährte. Er begleitet den Welfen 1209 auf dessen Königsumritt durch das Reich (UBPlesse 41). Das Wappen des Königs und die Schilde von zweiunddreißig weiteren Rittern - unter ihnen auch das von Helmold II. - schmücken den berühmten Quedlinburger Wappenkasten (Stiftskirche zu Qudlinburg). Das Kleinod erinnert an ein königliches Ritterturnier, das zu Pfingsten 1209 in Braunschweig ausgerichtet wird. Helmold II. von Plesse schließt sich danach dem König auf dessen Zug nach Rom zur Kaiserkrönung an. Im  Lager von Terni - nördlich von Rom - erscheint er als Zeuge in Urkunden des Kaisers (UBPlesse 44, 45, 46). Helmold II.  verlässt Italien nach Weihnachten 1209. Als Befehlshaber eines Kreuzheeres setzt er 1211 politische Ziele des Kaisers im Baltikum durch. Nach erfolgreichen Kämpfen testiert er in  Livland die Bewidmung gotländischer Kaufleute mit Handelsrechten (UBPlesse 51) und er ist Zeuge eines bedeutenden päpstlichen Rechtsaktes, der Teilung Livlands zwischen dem Bischof und dem Orden (UBPlesse 52, 53). Helmold II. von Plesse ist nicht verheiratet (UBPlesse 79).

 

Mecklenburg: Es ist ein anderer Helmold - miles et dominus - der erstmals zwischen 1247 und 1261 (vgl. Archiv der Hansestadt Lübeck, Urkunden, Mecklenburgica 19a) und dann in den Jahren 1263 bis 1283 in den Urkunden Mecklenburgs erscheint.  Er ist vermutlich ein Großneffe des Kreuzritters. Die Fürsten von Mecklenburg übertragen ihm wichtige Aufgaben und Ämter: Helmold ist Regentschaftsrat für die unmündigen Söhne  Fürst Heinrichs des Pilgers von Mecklenburg (Mecklenburgisches Urkundenbuch = MUB 1382), Vogt der fürstlichen Burgen in Wismar und Gadebusch (MUB 1191, 1230), Stifter des Chores der Franziskaner-Kirche zu Wismar (MUB 1656), bezeugt die Bestätigung des Lübischen Rechts für die Stadt Wismar durch den Landesherrn (MUB 1078). Helmold, seine fünf Söhne und deren unmittelbare Nachfahren gehören seit ihrem ersten Auftreten zum engsten Führungskreis der Herrscher Mecklenburgs.  Der Ort und die Kirche zu Hohen Viecheln sind dabei die Urzelle ihres auffallend umfangreichen Lehensbesiztzes, verstreut über fast alle Regionen des Landes. Die Ritterfigur in der Kirche von Hohen Viecheln stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert: Sie stellt vermutlich den ältesten der fünf Söhne Helmolds dar. Ihm ist - zufolge einer bischöflichen Urkunde aus dem Jahr 1311 - der Bau des Gotteshauses zuzuschreiben (MUB 3485). Woher die Herren von Plesse über das offensichtlich erhebliche Vermögen für ihre diversen Vorhaben in Mecklenburg verfügen, ist nicht überliefert, aber es könnte damit zusammenhängen, dass die ältere Bernhard-Linie zwischen 1284 und 1288 ihren Anteil an der Burg Plesse sowie ihren gesamten dortigen Allodial- und Lehnsbesitz an die jüngere Gottschalk-Linie verkauft (UBPLesse 297, 303, 309, 320) und deshalb hinreichend liquide ist.

 

Missing link: Einen Urkundenbeweis über die Abstammung der Mecklenburger Herren von Plesse von ihren burggesessenen Namensvettern gibt es nicht. Dennoch ist ihre Herkunft sicher, denn hier wie dort führen Brüderpaare von Anbeginn - und über viele Generationen hinweg - immer wieder die Leitvornahmen Bernhard und Helmold. Außerdem: Woher sonst sollen die mecklenburger Plesse stammen, wenn nicht von ihrer namensgebenden Burg?

 

 

 

Nicht vom Regentschaftsrates Helmold von Plesse (1247-1283), wohl aber von Persönlichkeiten seines unmittelbaren mecklenburgischen Beziehungsum-feldes sind Kontakte zur Burg Plesse und zum Plesse-Kloster Höckelheim belegt. Beispielsweise treffen sich am 25. April 1265 Graf Gunzelin von Schwerin und die Edelherren Gottschalk und Otto von Plesse mit den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg bei einer Beurkundung in Osterode (UBPlesse 215) und am 18. Oktober 1273 verleiht das Plesse-Kloster Höckelheim dem Grafen Helmold II. von Schwerin, seiner Gemahlin und deren Sohn Gunzelin die geistliche Brüderschaft (MUB 1299).

 

Wappen: Das auf dem Quedlinburger Reliquiar abgebildete Wappen aus dem Jahr 1209 zeigt auf rotem Schild einen in Silber gehaltenen, waagerecht ausgerichteten Maueranker, dessen vier Enden schneckenförmig nach innen eingerollt sind. Später wird eine permutierte Form, - roter Maueranker auf silbernem Grund, gelegentlich auch auf goldenem Grund - gebräuchlich. Bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1571 führen die Edelherren von Plesse als Familie und Besitzer der reichsunmittelbaren Burg und Herrschaft dieses Wappen. Der Maueranker ist auf Plesse-Grabsteinen im Mauerwerk der Kirche zu Eddigehausen erhalten geblieben und auf der Burg oder in den Ortswappen vieler einst zur Herrschaft Plesse gehörender Dörfer zu finden.

  

Das Stammwappen des nach Mecklenburg gewanderten Zweiges der Familie ist völlig anders. Es zeigt auf goldenem Schild einen nach links gestellten, schwarzen Stier, der den linken Vorderlauf hebt und seinen Schwanz über den Rücken schwingt.

 

Heraldik: Dass die Nachfahren eines gemeinsamen Stammvaters unterschiedliche Wappen führen, ist in der Geschichte der Heraldik des 13. Jahrhunderts kein Sonderfall, insbesondere wenn ein Familienzweig einem höheren Stand angehört und aufgrund seines Besitzes im politischen Gefüge des Reiches eine herausgehobene Stellung inne hat. (Lutz Fenske, "Adel und Rittertum im Spiegel früher heraldischer Formen und deren Entwicklung", in: Josef Fleckenstein (Hrsg.), Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums, Göttingen 1985 (Veröffentl. des Max-Planck-Instituts für Geschichte 80), S. 75-160.) Die Herren von Plesse sind dafür ein Beispiel: Zum einen sind es die Edelherren von Plesse, die mit der Burg - regio et imperio - kurzzeitig sogar einem deutschen Kaiser dienen; zum anderen sind es ihre Vettern, die mecklenburgischen Ritter und Herren von Plesse, die spätestens seit 1263 den obotritischen Fürsten als Vasallen dienen, deren Landesherrschaft aber vor 1347 noch nicht einmal selber reichsunmittelbar ist.


Standesrecht: Die Herren von Höckelheim/Plesse erscheinen bei Beurkundungen stets in der Gruppe des titulierten Adels, also streng diplomatisch nach dem Klerus und vor den Ministerialen (z.B. UBPlesse 15). Sie sind viri nobiles (Edelherren). Ihre Töchter heiraten ausnahmslos hochadlig und ihre Frauen entstammen ebenfalls nur diesem Kreis. Die Höckelheim/Plesse sind Edelfreie aus dem Stammesherzogtum Sachsen und keine Ministerialen, auch nicht in Mecklenburg, wo es dieses verfassungsrechtliche Institut ohnehin nicht gibt. Im mittelalerlichen Mecklenburg findet man - mit Ausnahme der vorrübergehend (1161-1358) eigenständigen Grafschaft Schwerin - zudem keinen titulierten Adel, denn alle seine Mitglieder sind stets Vasallen der Landesherren und werden von ihnen deshalb zumeist unsere Ritter genannt.

 

Grundbesitz: Seit dem Mittelalter verfügen die Herren von Plesse(n) über umfangreichen Grundbesitz im Stammesherzogtum Sachsen und in Mecklenburg. Davon kommt ihnen seit dem auslaufenden 16. Jahrhundert in mehreren Schüben ein Großteil abhanden. Die Linie der Edelherren stirbt 1571 aus (Heimfall der Burg und Herrschaft Plesse) und in Mecklenburg sind für den Vermögensverfall seit dem 17. Jahrhundert vielschichtige subjektive und objektive Gründe maßgeblich. An dieser Grundtendenz ändert auch der in Dänemark und Schleswig-Holstein seit dem 18. Jahrhundert hinzugekommene Familienbesitz nicht viel.

 

Am Beispiel des einst großen Grundbesitzes der Herren von Plessen im Klützer Winkel (Nordwestmecklenburg) lässt sich dieser Schrumpfungsprozess darstellen: Bereits im frühen 14. Jahrhundert haben sie dort die Herrschaft über viele Gutsdörfer. Diesen Vermögensstatus halten sie für dreihundert Jahre. Im 17. Jahrhundert beginnt dann ein schleichender Erosionsprozess mit vielen Ursachen: Unangemessener Lebenswandel, individuelles Unvermögen, Degeneration, Vermögensverfall, Besitzveräußerung, Wanderung nach  Dänemark,  Kriegsfolgen, Pest sind nur einige dieser Gründe. Eine bemerkenswerte und landesgeschichtlich seltene Ausnahme davon ist das Gut Damshagen. Es gehört schon vor 1336 zum Familienbesitz und bleibt es für mehr als 600 Jahre. Anfang Oktober 1945 wird Bernhard von Plessen - Besitzer des Gutes in der 19. Generation - von Deutschkommunisten aus Damshagen und dem dazugehörigen Gut Schönfeld vertrieben. Das alles geschieht gegen den dokumentierten Willen der Sowjetischen Militäradministration, auf deren Veranlassung der Junker und Großgrundbesitzer sogar einen Entnazifizierungsvermerk in seinen Personalausweis eingetragen bekommt. Mit der Vertreibung von 1945 endet seine Stellung als Eigentümer des uralten Familiengutes. Die deutschen Organe der SBZ setzen sich als Folge des Rauswurfs faktisch als neue Eigentümer an die Stelle ihres Opfers. Erst im Sommer 1946 übergeben sie den entzogenen und klein-parzellierent Besitz an Neubauern zur Nutzung (Bodenreform). So bleibt es bis zur politischen Wende in der DDR von 1989/1990.

 

Heute: Unmittelbar nach der Wiedervereinigung Deutschlands kehren Bernhards Sohn, Christian und seine Frau Dagmar von Plessen, eine geborene von Behr adH Stellichte, nach Mecklenburg zurück. Nicht das alte Plessen-Gut Damshagen, sondern Schönfeld wählen sie zu ihrem Lebensmittelpunkt, weil die Bürger dieses Dorfes die Rückkehr der Familie aktiv unterstützen. Sie erwerben in beiden Gemarkungen Teile des einst entzogenen Familienbesitzes von Neubauern und dem deutschen Fiskus, der sich weigert, die Reste der ihm zugefallenen Beute zurückzugeben. Im dörflichen Miteinander bewegen sie viel: Ein moderner Ackerbau- und Forstbetrieb entsteht, ein gepflegtes Ortsbild kehrt zurück, das klassizistische Herrenhauses wird saniert und im Rahmen ehrenamtlicher Aufgaben kann die Familie manche Impulse für Schönfeld und seine unmittelbare Umgebung geben. Ihr ältester Sohn, der Landwirt Magnus von Plessen, führt heute in Partnerschaft mit Felix Freiherrn zu Knyphausen das Unternehmen.


Namensformen und Titulierungen: Die Namensform Plesse wird im 17. und 18. Jahrhundert durch Plessen verdrängt. Die adelsrechtlichen  Titulierungen sind: Herr/Edelherr (Burg Plesse) bzw. Herr (Mecklenburg). Spätere standesrechtliche Erhöhungen für einzelne Zweige der Familie sind: Reichsgraf (1699), Lehensgraf (1830), Graf (1898) und Baron (1898).

 

(Christian v. Plessen)

 

Weiterführende Informationen:

"Landschaft Mecklenburg-Vorpommern"